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1 Die Kolonie
2 Die andere Seite (Teil 1 & 2)
3 NEU: Drei sind zu wenige

Die Kolonie
Trotz der unerbittlichen Kälte dieses Novemberabends konnte man sie förmlich riechen, die Hoffnung, die mit den Einfamilienhäusern hochgezogen und mit den schmucken Linden gepflanzt worden war. Und wären alle Straßenlaternen der Neubausiedlung plötzlich ausgefallen, hätten ihm die Sterne den Weg geleuchtet. Daran, dass auch seine Zukunft in den Sternen lag, zweifelte Paul jedoch. Für Sabine und Holger war das längst beschlossene Sache. Für sich selbst und die Zwillinge, gerade mal fünf Jahre alt, sowieso; aber auch Paul war fest ins neue Leben in der Kolonie eingeplant. Das war auch Pauls eigene Schuld, hatte er Holgers und Sabines Annahme, er werde, wenn er die Chance bekäme, auf jeden Fall mitkommen, nicht wirklich widersprochen. Und ein Teil von ihm konnte sich durchaus vorstellen, sein altes Leben hinter sich zu lassen, selbst wenn nicht sicher war, wogegen er es denn genau eintauschte. Immer wieder hatte er sich ausgemalt, wie es wohl wäre, dort in der Fremde zu leben, weit weg von allem, das er kannte. Ganz gelungen war ihm das nie. Zu spärlich waren die Informationen, die bis zu denen, die geblieben waren, durchdrangen. Zu weit war sie weg, die neue Kolonie. Solche und ähnliche Gedanken wirbelten durch Pauls Kopf, als sein Blick im Vorbeigehen auf auf einen Baum in einem der Vorgärten fiel. Wie ein Maibaum in Miniatur sah er aus. Aber im November? Seine Blätter schienen im Licht der Straßenlaterne immer noch grün und von seinen Ästen und Zweigen hingen lange, glänzende Bänder herab. Zur Farbe der Bänder passend, ging ein silberhelles Geräusch von ihnen aus, als sie sich in der Abendbrise bewegten. Zeichen, deren Bedeutung Paul nicht kannte, schmückten den Baum. Ein Maibaum, wie passend in dieser Siedlung der Hoffnung, die doch nur ein Zwischenstopp für die hier lebenden Familien sein würde. In zwei Jahren würden ganz andere Menschen hier leben, jedoch mit ganz ähnlichen Träumen. Auch sie würden, wie so viele vor ihnen, ihr Bestes geben, das Training und alle Tests mit Bravour zu meistern, würden alles daran setzen, eines der begehrten Tickets für die lange Reise zu ergattern. Eine Reise, von der sie wohl nie zurückkehren würden. Doch die Alternative, hier zu bleiben, sich dem Wechsel von extremer Hitze und gewaltigen Unwettern, Dürre wie Dauerregen zu stellen und den nicht abreißenden Flüchtlingsströmen - ja, war das wirklich eine? Mittlerweile wurden die Grenzen Europas Tag und Nacht von Soldaten bewacht. Zu viele Menschen hatten in den letzten Jahren versucht, hier Schutz zu suchen. Zehntausende Hektar Felder waren verdorrt, hunderte Dörfer von Lawinen verschüttet worden, ganze Inseln im Meer versunken. Auch Europa selbst war nicht verschont geblieben. So war etwa einiges an Land, das Deutschland und Holland dem Meer einst abgerungen hatten, ihnen wieder entrissen worden. Doch insbesondere in Holland setzte man schon lange auf schwimmende Städte und hatte sich den klimatischen Veränderungen so zumindest teilweise anpassen können. Ein paar braune, trockene Blätter wirbelten über Pauls Weg. Ein Hauch Herbst stieg ihm in die Nase. Erinnerte ihn daran, dass dieser Ort nicht für alle ein Neubeginn sein würde. Denn die Schiffe konnten nur eine begrenzte Anzahl an Passagieren mitnehmen, weit weniger als sich beworben hatten und immer wieder bewarben. Also hatte man diese Siedlungen errichtet, abgeschirmt vom Chaos der Außenwelt, in denen man die möglichen Siedler auf Herz und Nieren testen konnte. Teilweise ganz wörtlich: Es wurden sowohl physische Fitness und Ausdauer getestet als auch psychische Resilienz. Um überhaupt die lange Reise gesund zu überstehen und nicht gar zur Gefahr für sich selbst oder andere zu werden, musste man schon ein besonderes Exemplar Mensch sein. Und Paul war sich nicht sicher, ob er wirklich zu diesen Auserwählten gehörte - oder gehören wollte. Mit so vielen Menschen in einen Metallcontainer gepfercht jahrelang durch die eisige Leere des Alls zu treiben, das war nicht unbedingt seins. Bisher hatte er in den Tests aber gut abgeschnitten und rechnete sich durchaus Chancen auf eines der begehrten "goldenen Tickets" aus. Nicht auf eines der "Platintickets", das Menschen vorbehalten war, die für das Gelingen der Mission quasi unabdingbar waren. Das nicht. Aber er war erst 23, fit, brachte ein fast abgeschlossenes Physikstudium mit und war auch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Im Training befasste er sich nun mehr mit Ingenieurwissenschaften und Informatik; entsprechende Kenntnisse waren für die Reise und das Leben in der Kolonie wichtiger. Zum Glück suchten sie nicht mehr so viele Leute, die Behausungen errichten oder Gemüse anbauen und Tiere züchten konnten wie noch in den ersten Jahren des Projekts. Das sah Paul, der zwar einigermaßen geschickt war, aber kein großer Fan körperlicher Arbeit, als ausgesprochenen Vorteil. Welche Jobs tatsächlich in der Kolonie auf einen warteten, das war allerdings etwas ganz anderes. So viele Lichtjahre von der Erde entfernt war man den dortigen Verwaltern mehr oder weniger ausgeliefert. Und wenn einem der neue Job nicht passte und die Nachbarn doof waren, gab es kein Zurück. Das war etwas, über das Paul oft nachdachte: War es nicht vielleicht besser, in einer Situation, die nicht so toll war, aber mit der man sich auskannte, zu verharren, als auf eine Zukunft zu bauen, die letztlich viel schlimmer sein konnte? Weit besser, aber auch weit schrecklicher. Keiner konnte das so genau wissen. Und es war ja nicht mal sicher, dass man die Reise sicher überstand. Paul seufzte leise, als er bei Holger und Sabine klingelte. Sogleich stahl sich aber ein Lächeln auf sein Gesicht, als er aufgeregtes Getrapse und Gekicher von drinnen hörte. Und tatsächlich öffneten ihm Chrissi und Libby, Holgers und Sabines Zwillinge, die Tür mit freudestrahlenden Gesichtern: "Onkel Paulchen! Onkel Paulchen!" Schon hing einer an seinem rechten Bein, wahrend die andere versuchte, seinen linken Arm hochzuklettern. Wie kleine Kletteraffen, dachte er liebevoll. "Hey, ihr beiden! Ihr wisst aber schon, dass ich nicht wirklich euer Onkel bin?" Paul schaute Libby mit hochgezogenen Augenbrauen ins Gesicht. Das Mädchen nickte heftig. Tatsächlich war Sabine Pauls Cousine. "Ist uns aber egal!", flötete ihr Bruder. Ihr kleiner Bruder, wie sie immer betonte, war sie doch genau sieben Minuten älter. Viel älter also. Fast zwei Tage, wenn man's genau überlegte. Chrissi zweifelte immer noch an der Logik dieser Schlussfolgerung, hatte aber schließlich klein beigegeben, denn Libby war nicht nur seine große, viel ältere Schwester, sondern konnte einen auch fies kneifen, wenn ihr etwas nicht passte. "Lasst Paul doch erstmal ankommen!", rief Sabine von weiter hinten aus der Wohnung. "Ja, ja, ja, Mami!", säuselten die beiden Äffchen, klammerten sich jedoch weiter an Paul fest. Er hatte Schwierigkeiten, die Haustür hinter sich zu schließen, und beschwerte sich darüber mit Nachdruck: Das sei ja wohl nur die Schuld der Zwillinge und überhaupt unmöglich. Die beiden kicherten nur über seinen gespielten Ärger. Und insgeheim freute es ihn natürlich, dass sie ihn offensichtlich so in ihr Herz geschlossen hatten. Gleichzeitig fühlte er einen kleinen Stich in der Brust, wenn er daran dachte, dass sie vielleicht bald ohne ihn ins Unbekannte aufbrechen würden. Denn ihre Eltern gehörten zweifellos zu denen, die ein Platinticket bekommen würden. Während Holger als einer der angesehensten Ingenieure weltweit den Bau der neusten beiden Raumschiffe der europäischen Flotte überwachte und vorantrieb, hatte man seine Frau mit der Aufgabe betraut, das Wissen um die terranische Kunst und Kultur zu bewahren und weiterzugeben sowie als Chronistin alle Erlebnisse der Reise und während der ersten Jahre in der fremden, neuen Welt aufzuschreiben. Natürlich stützte sie sich dabei auf die enormen Datenbanken und Rechenkapazitäten der Computer an Bord des Schiffes, das sie in die neue Heimat bringen würde. Aber in den letzten Jahrzehnten hatte man endlich gemerkt, wie wichtig es war, dass solche Reisen nicht bloß von seelenloser künstlicher Intelligenz protokolliert wurden, sondern die Berichte echte, subjektive Erfahrungen enthielten. Und nicht in Form eines Amalgams gefilterter Interviews. Den menschlichen, individuellen Blick galt es zu erhalten. Literatur sollte aus diesen Berichten entstehen, im besten Sinne. Natürlich zeichneten auch die Computer alle Ereignisse in Form kalter Fakten auf. Aber nach Jahren leidvoller Erfahrungen im Umgang mit KI, die sich letztlich weder als so neutral und allwissend wie erhofft noch als echter Ersatz für Menschlichkeit und Kreativität herausgestellt hatte, wusste man, dass es Kunst von Menschenhand und -geist war, die dem Leben einen Sinn gab. Und so hatte sich endlich auch ein neuer Respekt herausgebildet für die Künstler, die diese produzierten. Es waren also nicht nur Handwerker, Farmer, Ingenieure und Informatiker, die die begehrten Platintickets erhielten, auch viele Künstler waren darunter. Denn was nutzte es, eine neue Welt zu besiedeln, eine neue Heimat zu erschaffen, wenn das, das den Menschen eigentlich ausmachte, verlorenging? Zumal der Glaube an einen Gott (oder mehrere) in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr verschwunden war, insbesondere in Europa. Mehr und mehr suchten die Menschen ihren Halt und einen Sinn im Leben in einem liebevollen Miteinander und eben in dem, was uns von den anderen Tieren hauptsächlich unterschied: der Kunst. In dieses Bild eines vereinten Europa als Wiege von Kunst, Kultur und Menschlichkeit wollte die strikte Zurückweisung der zahllosen Asylsuchenden an den Außengrenzen der EU natürlich wenig passen. Allerdings wurden auch an außereuropäische Schutzsuchende einige der begehrten Platin- und Goldtickets vergeben. Man munkelte aber, dass dies längst nicht so viele waren, wie es eigentlich fair gewesen wäre. "Bleibst du zum Abendessen?", wollte Sabine wissen, als Paul, rechts und links jeweils eines ihrer Kinder auf der Hüfte balancierend, das Wohnzimmer betrat, vielmehr hineinhumpelte. "Ja, gerne." "Es gibt Nudels!", rief Chrissi begeistert. Paul schaute auf ihn herab und lachte. "Dann sowieso." "Spielst du was mit uns?" Libby blickte ihn hoffnungsvoll an. Innerlich seufzte Paul leise. "Spielen wir was?" war wohl der Satz, der ihn bisher am meisten davon abgebracht hatte, selbst über Kinder nachzudenken. Denn was konnte man mit Fünfjährigen schon spielen? Und dann wollten sie natürlich immer, überall und die ganze Zeit spielen. Laut hörte er sich jedoch sagen: "Ja, klar." Ein kurzer Blick in Sabines grinsendes Gesicht, welche gleich darauf in der Küche verschwand, genügte, um sicher zu sein, dass die Cousine aber durchaus wusste, wie es um ihn stand. Die Geschwister schienen jedoch nicht an seiner Begeisterung zu zweifeln. Als er beide abgesetzt hatte, nahm Libby ihn direkt an der Hand: "Komm, ich zeig dir unser neues Zelt!" Chrissi nickte heftig: "Ja, ja, das musst du sehen!" Also ließ Paul sich bereitwillig ins Zimmer der beiden führen. "Wow. Das sieht echt cool aus." Und Paul meinte das tatsächlich so: Das halbe Zimmer hatten die Zwillinge in ein großes Zeltlager verwandelt. Damit, wie nostalgisch ihn der Anblick stimmte, hatte er so gar nicht gerechnet. Auch er hatte als Kind gerne Laken in seinem Zimmer gespannt, vor allem zwischen der altmodischen Heizung unterm Fenster und seinem Schreibtisch. Hatte sich darunter verkrochen, wenn seine Eltern wieder mal stritten oder er ungestört lesen wollte. Zu den wenigen persönlichen Gegenständen, die Paul mitnehmen durfte, wenn er denn ins All flöge, würde auch ein Buch gehören. Ein echtes Buch mit Seiten aus Papier. Nur welches es genau sein würde, das hatte er noch nicht entschieden. "Herr der Ringe" war auf jeden Fall in der engeren Auswahl; streng genommen waren das allerdings drei Bücher. Nun, vielleicht sollte er sich zuerst darüber klar werden, ob er wirklich fliegen wollte. Als er den Geschwistern unter das größte der gespannten Laken hinterherkroch, hörte er Chrissi vor sich murmeln: "Ob wir auf Xestri auch zuerst in Zelten leben?" "Aber nein, die Rakete mit unseren Behausungen ist doch schon längst dort. Wenn wir ankommen, gibt's da eigene Häuser für uns", antwortete seine Schwester, die vorausgekrochen war. "Und es ist Xestris III, Chrissi." Manchmal schien sie wirklich die deutlich Ältere der beiden zu sein. "Stimmt das?", wollte Chrissi von Paul wissen. Paul setzte sich neben die Kinder: "Ja, ich denke schon." "Das ist aber langweilig!", seufzte der Kleine. Paul wuschelte ihm kurz durch die schwarzen, krausen Haare. "Oh, ich glaube, die Reise alleine wird schon ein großes Abenteuer. Und Xestris III wird sicher in vielem Ganz anders sein als die Erde. Aufregender." Libby schaute ihn nicht an, als sie leise fragte: "Hast du Angst vor der Reise?" "Nein", log Paul sofort, "die Schiffe sind dann ja alle hundertfach getestet worden. Und die ersten Kolonisten sind sowieso längst dort." Das stimmte, auf den ersten beiden Reisen hatte es keine gravierenden Probleme gegeben, so weit dies auf der Erde bekannt war. Dank der neuen Quantencomputer hatte man tatsächlich auch bereits die ersten Nachrichten mit der ersten Erdkolonie austauschen können. Alles war mehr oder weniger nach Plan verlaufen. Alle Kolonisten hatten den Planeten sicher erreicht. Beim Start des ersten Schiffes, der Merbold 1, war Paul kaum älter gewesen als die Zwillinge jetzt. Mit unendlicher Begeisterung und Neugier hatte er alle Nachrichten über die Reise der Kolonisten verfolgt, immer befürchtet, dass etwas Schlimmes geschehen könnte. Aber alle Hiobsbotschaften blieben aus, sodass er schließlich auch selbst überlegte, sich der neuen Kolonie anzuschließen. Libby schaute ihn nachdenklich an: "So ähnlich sagen das Mama und Papa auch, aber manchmal, wenn sie denken, dass wir es nicht mitbekommen, machen sie sich doch Sorgen. Sorgen, dass etwas schiefgehen könnte. Oder sie denken darüber nach, was sie alles vermissen werden und nicht mitnehmen können." "Ja, wir müssen die meisten unserer Spielsachen hier lassen!", grummelte Chrissi und zog eine Schnute. "Voll doof." "Na, aber dafür startet ihr bald in ein richtig tolles Abenteuer." Chrissi zuckte nur mit den Schultern: "Ich weiß." Dann seufzte er, legte den Kopf etwas schief: "Nächste Woche veranstalten wir hier in der Siedlung einen Flohmarkt. Da verkaufen alle, was sie nicht mitnehmen können. Vielleicht willst du ja auch was von uns kaufen?" "Ja, ich komme gerne vorbei." Libby sah Paul daraufhin fragend an: "Aber du wirst selber Sachen verkaufen wollen, oder?" Bevor ich er sich eine möglichst ausweichende Antwort ausdenken konnte, rettete ihn seine Cousine: "Essen ist gleich fertig. Libby, Chrissi! Helft mit, den Tisch zu decken!" "Okay, Mami!", säuselten beide im Chor. Schon süß, die Kleinen, dachte Paul. Das Abendessen verlief wie immer sehr angenehm. Sabine und ihr Mann waren aufmerksame Gastgeber, die einiges Interessante über den Stand der Mission zu berichten hatten, aber auch interessiert zuhörten, wenn Paul von seinem Training berichtete. Zum Glück fragten sie ihn nicht, ob er sich schon verpflichtet hatte. Er wusste auch selbst nicht genau, weshalb er immer noch zögerte. Seine Pro- und Contra-Listen zeigten eindeutig, dass diese Reise seine beste Chance auf ein gutes, erfülltes Leben war. Weit weg von der alten, überfüllten und sterbenden Heimat. Der kleine Chrissi war erstaunlich schwer in seinen Armen, als Paul ihn zu seinem Bett trug. Vorsichtig legte er den Jungen hinein. Der atmete einmal tief ein, als sein Kopf das Kissen berührte, schlief aber ansonsten selig weiter. Auch zudecken ließ er sich, ohne aufzuwachen. Da wird einem schon warm ums Herz, wenn man ihn so sieht, dachte Paul. Wann habe ich das letzte Mal so friedlich geschlafen? In den letzten Wochen und Monaten... Aus den Augenwinkeln nahm Paul plötzlich eine Bewegung wahr. Als er zur offenen Zimmertür schaute, sah er, dass es seine Cousine war, die sich gerade mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen lehnte. Zuerst schaute sie lächelnd auf ihr Kind, dann hob sie den Blick etwas, sah Paul direkt ins Gesicht. Dadurch, dass nur im Flur hinter ihr Licht brannte, aber nicht im Zimmer, lag ihr Gesicht im Halbdunkel. Dennoch meinte Paul zu sehen, wie sich in dem Moment etwas wie Traurigkeit in ihre Züge stahl. Traurigkeit gemischt mit etwas anderem. "Du fliegst nicht mit nach Xestris III, oder?", fragte sie unvermittelt. Pauls Augen weiteten sich. Sie hatte ihn also doch durchschaut. "Ähm...", begann er ausweichend - und ungemein eloquent. "Paul. Sei ehrlich." Er schüttelte den Kopf, während er gleichzeitig leicht die Schultern hob: "Ich weiß es nicht." Er fühlte sich unangenehm ertappt, und gleichzeitig rutschte ein enormes Gewicht von seinen Schultern: Endlich musste er nicht mehr befürchten, dass sie ihn genau das fragte. "Er ist es, oder?", fragte Sabine. "Er ist der Grund, weshalb du zögerst." "Er ist der Grund, weshalb du zögerst." Stunden später, als er bereits auf dem Heimweg war, hallten Sabines Worte noch nach in seinem Kopf. Sofort hatte er gewusst, wen sie meinte, und dennoch zuerst so getan, als wäre ihm das ein völliges Rätsel. Solche Nebelkerzen waren an Sabine allerdings verschwendet. Natürlich. Zu gut und zu lange kannten sie einander. Daraufhin war er dazu übergegangen, ihr zu versichern, dass das mit Mark bloß eine Phase gewesen, längst vorbei sei. Mark wollte ihn nicht, und das war wahrscheinlich gut so. Zwar hatten Pauls Beteuerungen die Cousine alles andere als überzeugt; das sah man ihr an, hörte man an ihrem Tonfall. Trotzdem hatte sie nicht weiter gebohrt. Auch als sie, ihr Mann und Paul später noch eine Weile im Wohnzimmer beieinander saßen, sich im Flüsterton unterhaltend, weil nun auch Libby auf der Couch eingeschlafen war, ihr erhitztes Gesichtchen auf Pauls Schoß, hatte sie das Thema nicht wieder aufgegriffen. Dafür war Paul ihr unendlich dankbar. Wie ähnlich Libby ihrem Bruder doch erst sieht, wenn sie schläft. Auch ihrer Mutter sieht sie ähnlich. Der raue Schrei einer Krähe schreckte Paul aus seinen Gedanken, und er fröstelte in seinem dünnen Mantel; richtete den Kragen etwas auf, rieb sich die Oberarme und beschleunigte seine Schritte. Welcher Art die Kälte war, die in diesem Moment mit spitzen Fingern nach ihm griff, hätte er allerdings nicht zu sagen vermocht. War es bloß die Kälter der Herbstnacht, ein früher Gruß des nahenden Winters? Oder war es Krähenkälte? Wieder hörte er das Tier wie verzweifelt rufen, doch niemand antwortete ihm. Da wusste er, dass er sich am nächsten Morgen verpflichten würde. Es hatte keinen Sinn, auf etwas zu warten, von dem er wusste, dass es nie eintreten würde. Es war immer ein Traum gewesen, und er hatte es immer gewusst. Nicht wahrhaben wollen vielleicht, aber doch immer gewusst. Erst Sabines Frage hatte ihn dazu gebracht, sich endlich den eigentlichen Grund für sein Zögern einzugestehen. Sie hatte recht. Ein Teil von ihm hing Mark immer noch nach, konnte nicht loslassen, was schon zum Greifen nah gewesen war und dennoch nie für ihn bestimmt. Alles Mögliche hatte er sich eingeredet: Dass die Reise zu beschwerlich, zu gefährlich wäre, dass ihm der Entdeckergeist, die Neugier oder Resilienz fehlten, sich eine neue Welt zu eigen zu machen. Dass das alles eine Nummer zu groß wäre für ihn. Aber was hielt ihn hier noch, wenn der Mann, für den er alles getan hätte, ihn nicht wollte? Als er sich kurze Zeit später in dem Haus am Rande derselben Gated Community, in der auch Holger und Sabine wohnten, in Bett legte, war er hellwach. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu ihm zurück. Zu Mark. Zu dem Tag, an dem er ihm begegnet war. Dem Tag, der alles verändert und ironischerweise erst dazu geführt hatte, dass er sich für das Trainingsprogramm als möglicher Kolonist beworben hatte. Lichtjahre zwischen sich und Mark zu bringen, das erschien ihm nach wie vor kein schlechter Plan. So plötzlich und gewaltsam brach diese Liebe damals aus ihm heraus, riss ihn mit sich fort und spülte sein Innerstes nach außen, dass er sich fragte, ob er vorher je wirklich verliebt gewesen war. Dabei hatte es einige Männer gegeben, auch ein paar Frauen, nach denen er sich verzehrt hatte. Immer mal wieder hatte er sich Hals über Kopf verliebt, meist unglücklich; hatte aber schon zwei recht turbulente Beziehungen, eine zu einem Mädchen, damals sechzehn wie er, und eine spätere zu einem wesentlich älteren Mann, hinter sich. Deshalb hatte er wohl gedacht, dass er wüsste, wie sich das anfühlte, verliebt zu sein. Großer Gott, nichts wusste er. Das war ihm mit einem Mal klar, als dieser zierliche Mann die Bühne betrat und ihn von der ersten Minute an zu Tränen rührte. Seltsam, Paul hatte eigentlich nie für sonderlich empfindsam gehalten. Zwar fand man ihn als Kind eher in seinem Zimmer, still in ein Buch vertieft, während die anderen Jungs draußen laut johlend Fußball spielten; doch eigentlich konnte er vor allem gut mit Zahlen. Kühl, klar und unbeugsam erschienen sie ihm. Mit ihnen ließ sich die Welt auf eine Weise erklären und verstehen, die ihm Spaß machte. Nie hatte er wirklich darüber nachgedacht, dass seine Liebe zur kalten Ratio der Zahlen vielleicht genau daher rührte, dass in ihm ein empfindsames Herz wohnte, das nur darauf wartete, im erstbesten Moment überzusprudeln, ihn mit sich fortzureißen, mitten hinein in eine fremde, neue Welt, deren chaotische Regeln ihm völlig widersinnig erscheinen mussten. So unvorbereitet war er gewesen, auf das, was er da plötzlich fühlte, dass er fast erstarrte. Das Mädchen, in dessen Begleitung er an jenem Abend zu dem Theaterstück gekommen war, zog ihn heute noch mit dem Ausdruck auf, der plötzlich auf seinem Gesicht erschienen sei. Zum Glück war das damals kein Date gewesen: Die junge Frau, Alex, war längst mit einem Bekannten zusammen, der sich aber so gar nicht fürs Theater "und ähnlich öden Quatsch" interessierte. Und so hatte es sich schließlich ergeben, dass Paul an seiner Stelle mitgekommen war. Die letzten Wochen waren hart gewesen für Paul. Er hatte gerade das Grundstudium abgeschlossen und seine Zwischenprüfung abgelegt. Eigentlich machte ihm das Physikstudium Spaß, gleichzeitig fühlte er sich oft überfordert. Zu viel sollte er lesen, wissen, bis ins Kleinste verstehen. Er hatte auch keine hohen Erwartungen an den Abend gehabt, war nur mitgekommen, um dem Bekannten und seiner Freundin einen Gefallen zu tun. Alex hatte die Karten schon lange ihm Voraus gekauft: dritte Reihe Mitte. Tolle Plätze. Leider auch schwer, sich davonzuschleichen, wenn man das Stück nicht mochte. Liebe hätte Paul eine Holo-Vorführung für zuhause gebucht, aber Alex wollte sich für diese wesentlich bequemere, aber in ihren Augen auch wesentlich minderwertige Alternative, diesen "bloßen Abklatsch", nicht begeistern. Paul war sich nach der Beschreibung des Ein-Mann-Stücks, die er gelesen hatte, allerdings so gar nicht sicher, ob er es überhaupt ertragen würde. Es war ein modernes Drama, und der Autor spielte gleichzeitig die Titelrolle, den "stillen Beobachter" einer Welt, die ihm fremd geworden war. Ungewöhnlich. Paul hatte sich allerdings nicht weiter mit ihm oder dem Theaterstück beschäftigt, sondern hoffte einfach auf das Beste. Alex kannte Mark bereits aus einer anderen Produktion desselben Theaters, bei der er ihr sofort aufgefallen war. Shakespeares "Mitsommernachtstraum" war das gewesen, in der Mark den frechen Puck verkörpert hatte. Alex stupste Paul kurz an, als Mark nun die Bühne betrat: "Süß, oder?" Und Paul machte den Mund auf, um zu antworten, doch auf dem Weg zwischen Gehirn und Zunge gingen seine Worte irgendwie verloren. Da war etwas an diesem Mann, das ihn vom ersten Moment an gefangen nahm. Vielleicht war es die Art, wie er sich bewegte, wie er sich hielt. All seine Schritte und Gesten wirkten so leicht, federnd und fließend. Vielleicht lag es am Klang seiner Stimme, die sich manchmal in einem dumpfen Raunen verlor und ihm manchmal schrill und verzweifelt in die Knochen fuhr. Es war, als habe sich in Pauls Inneren plötzlich etwas verschoben, sei mit einem lauten Klick zurechtgerückt worden. Etwas in ihm hatte sich auf eine Weise neu zusammengefügt, neu ausgerichtet, die ihn erschreckte. Nur mühsam widerstand er dem Impuls, sich an die Brust zu fassen, wo sich mit einem Mal alles so schmerzlich neu und wunderbar geordnet hatte. Auch der Text des Stücks begeisterte ihn sofort. Wer war dieser Mensch, der Pauls geheimste Gedanken so selbstverständlich vor aller Welt ausbreitete? Wer war dieser Mann, der es schaffte, nach all den Milliarden von Stücken, Romanen und Liedern, die die Menschheit verfasst hatte, noch Metaphern zu finden, die einen überraschten? Wie konnte er Gefühle in Worte fassen, von denen Paul bisher nicht mal gewusst hatte, dass er sie empfand? Bisher hatte sich Paul meist zu deutlich älteren Männern hingezogen gefühlt, mit tiefen Stimmen und bärtigen, kantigen Gesichtern. Männern, bei denen er sich sicher und beschützt fühlte. Geborgen. Doch der fast zerbrechlich wirkende Mensch da vor ihm auf der Bühne wirkte wie jemand, der selbst beschützt werden wollte. Wie jemand, der noch auf der Suche war nach seinem Platz im Leben und nicht zu ahnen schien, wie schön und talentiert er tatsächlich war. Verstohlen wischte sich Paul mit dem Handrücken über die Augen. Nicht so verstohlen, als dass es seine Begleitung nicht gemerkt hätte. Alex lachte und stieß ihn erneut mit dem Ellenbogen an: "Hätte ja nicht gedacht, dass du so drauf abfährst... auf das Stück, meine ich." Paul zuckte mit den Schultern, und sie lachte wieder, ließ ihn dann aber in Ruhe. Innerhalb von Sekunden hatte ihn Welt des Stücks wieder verschluckt. Die nächsten drei Stunden vergingen wie im Flug. Er hing an jedem Wort, jeder Geste. Wie hypnotisiert starrte er auf Marks filigrane Hände, in seine großen, dunklen Augen, auf seinen geschwungenen Mund. Ein Lächeln und Paul wusste nicht mehr, wie man atmete. Mark war für ihn die perfekte, perfideste Droge, die sich jemand hätte ausdenken können. Er wusste, der Rausch würde nicht anhalten, er wusste, der Entzug würde die Hölle sein, er wusste, er würde immer und immer wiederkommen, bis die Sucht ihn ganz verschlungen hätte. Diese Geschichte würde nicht gut enden, das war Paul vom ersten Moment an klar. Und doch konnte er nicht anders, als sich mit allem, was er fühlte, mit allem, was er war, darauf einzulassen. Dieser Abgrund war eigens für ihn präpariert worden, und er würde weiter und weiter darauf zu laufen. Diese Sehnsucht war nun seine. In der Pause musste Alex ihn mit Engelszungen überreden, kurz mit ihr ins Foyer zu gehen, um etwas zu trinken. Und als die Bühnenscheinwerfer wieder angingen, war er sofort wie in Trance, das Stück riss ihn mit sich fort, sein Leben schien sich in diesen Stunden plötzlich zu fokussieren. Konzentriert alleine auf diesen wundersamen Menschen vor ihm. Wie Licht, das zuvor bunt in alle Richtungen abgelenkt worden war und sich nun endlich in seinem eigentlichen gleißenden Weiß zeigen durfte. Alles, das ihm geschehen war, ehe Mark die Bühne betreten und zu spielen angefangen hatte, erschien Paul wie ein Traum. Kaum noch konnte er sich an das erinnern, was er am Tag zuvor getan oder gedacht hatte, welche Belanglosigkeiten ihm wichtig erschienen waren. Während Paul dem zierlichen Mann vor ihm dabei zusah, wie er mit sich und der Welt haderte, über Einsamkeit und Selbstmordgedanken sprach, verschwamm die Erinnerung an die letzten Wochen, Monate, Jahre zu zusammenhanglosen Episoden eines wirren Fiebertraums. Nur dieser Moment, nur das Jetzt erschien ihm wirklich. Wie hatte er jemals denken können, dass er in der Wirklichkeit lebte? Wie jemals glauben, dass er überhaupt lebte? Erst jetzt wusste er, was real war und was es hieß, am Leben zu sein. Alles zuvor und alles danach war ein bloßer Schatten dessen, was er gerade empfand, alles andere war nur gespielt, unecht, unehrlich und tot. Und wenn die Scheinwerfer gleich ausgingen, vielleicht würde dann auch er erlöschen, durchsichtig werden und sich auflösen. Denn war es nicht er selber, der da im Scheinwerferlicht auf der Bühne saß, den Blick wie gebannt auf das Messer gerichtet, das so unschuldig vor ihm auf dem Tisch lag? Paul merkte gar nicht, wie ihm die Tränen übers Gesicht liefen, nachdem der letzte Vorhang gefallen war. Noch lange stand er da, klatschte und klatschte - wie die meisten anderem im Publikum. Nicht nur Paul hatte das Stück begeistert. Zwei Mal noch kam Mark kurz auf die Bühne, um sich zu verbeugen und zu bedanken, sichtlich gerührt von der Reaktion der Leute; dann erstarb das Licht der Bühnenscheinwerfer unwiederbringlich, und die Lichter über dem Publikum erwachten. Grell und unerbittlich schienen sie auf Paul herab, der sich in seinem Sitz zurückfallen ließ und eine Weile brauchte, ehe zu ihm durchdrang, dass Alex mit ihm sprach. "Was?" "Wow. Dich hat's echt erwischt, oder?", lachte sie. Erneut hob Paul nur die Schultern, unfähig, in Worte zu fassen, was dieser Fremde ihm da angetan hatte. Wieder lachte Alex leise. Er begann es zu lieben, dieses glockenhelle Lachen, hatte es ihn doch zu dem einzigen Moment in seinem Leben geführt, der real gewesen war. Er stand auf und umarmte sie. "Danke", flüsterte er heiser. "Okay... Dann gehe ich mal davon aus, dass du auch zur Autogrammstunde mitkommen willst?", fragte sie unschuldig. Paul schluckte kurz. Nickte nur. Kichernd nahm ihn Alex bei der Hand, und mit weichen Knien folgte er ihr ins Foyer, wo sich vor einem Tisch, auf dem mehrere Printausgaben des Stücks lagen, bereits eine lange Schlange gebildet hatte. Der Stuhl auf der anderen Seite des Tischs war aber noch leer. "Ich... Ich glaube, ich muss erstmal kurz..." "Okay. Ich stell mich schon mal an", sagte sie. Paul nickte dankbar und verschwand Richtung Toilette. Er war selten so nervös, dass ihm das auf die Blase schlug. So wie heute. Vor allem brauchte er aber einen Moment für sich allein. Mit zittrigen Händen schloss er die Kabinentür hinter sich, lehnte sich kurz dagegen und versuchte, nicht zu hyperventilieren, als er daran dachte, was er denn zu Mark sagen könnte, wenn er gleich vor ihm stand. Was sagt man zu einem Fremden, der mit ein paar federleichten Worten, ein paar Gesten und seinem Lächeln die Welt, in der man lebte oder glaubte zu leben, für immer verändert hat? "Ich liebe dich." Das war, was Paul Mark eigentlich sagen wollte. "Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich. Lass uns einfach zusammen weggehen." Sein Mund sagte aber zum Glück etwas anderes: "Tolles Stück." Mark lächelte: "Danke." Scheu lächelte Paul zurück und reichte Mark das Buch, das er eben gekauft hatte, zum Unterschreiben. "Für wen...?" "Für Paul. Ich heiße Paul." Und ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich. "Für Paul", schrieb Mark auf die erste Seite. Dann unterschrieb er. Mit zwei x unter seinem Namen. Er schaute Paul direkt in die Augen, als er ihm das Buch wiedergab, und Paul zögerte einen Moment zu lange. Das Buch in der Hand, stand er einfach nur da, unfähig, sich zu erinnern, was er danach machen sollte. Ob es etwas gab, das er noch Sinnvolles zu tun hatte in seinem Leben. Eine Hand auf seiner Schulter riss ihn aus seiner Starre. Er zuckte leicht zusammen. "Komm, du hast Mark genug angeschmachtet, lass noch was für den Rest von uns übrig", flüsterte ihm Alex ins Ohr. Gerade laut genug, dass auch Mark ihre Bemerkung hörte. Paul fühlte, wie seine Wangen noch wärmer wurden. Er schloss kurz die Augen: Wie peinlich! Mark lachte kurz auf. Es war ein freundliches, wohlwollendes Lachen. Er streckte Paul die Hand entgegen, etwas perplex hielt Paul ihm das Buch ein zweites Mal hin, und Mark ergänzte etwas unter seiner Unterschrift. Dann gab er ihm das Buch wortlos zurück. "Na, dann sehen wir mal, was Paul noch übrig gelassen hat," meinte er zu Alex. Die kicherte nur, als sie ihm auch ihr Exemplar zum Unterschreiben hinhielt. "Danke," grinste sie, und zog Paul, der immer noch nicht verstanden hatte, wie er seine Füße jetzt bewegen sollte, mit sich Richtung Garderobe. Erst als sie schon fast bei der S-Bahn-Station angekommen waren, kam Paul langsam wieder zu sich. "Wow. Dieser Typ..." "Hab doch gesagt, dass er Talent hat." "Ja..." "Du hast noch gar nicht in dein Buch geschaut. Willst du gar nicht wissen, was er noch reingeschrieben hat?", fragte sie. Die Lippen aufeinandergepresst, hob er unschlüssig die Schultern. Wollte er das? "Komm schon!", drängte sie ihn daraufhin. Mit einem Seufzer gab er nach und schlug das Buch auf, so vorsichtig, als sei es lebendig. "Für Paul", stand da in schwungvollen Buchstaben. Und darunter: "Mark xx". Und darunter eine Telefonnummer. Ihm wurde kurz schwindelig. Stumm hielt er seiner Bekannten das Buch hin. Wieder dieses glockenhelle Lachen. Wie er dieses Lachen liebte, wie er sie liebte, wie sehr er diesen Abend liebte. Wie sehr, wie sehr er den Mann liebte, der ihm tatsächlich seine Telefonnummer aufgeschrieben hatte. Was für ein Klischee! Warum hatte Mark das getan? Musste er nicht befürchten, dass Paul sie weitergab? Für so direkt hätte er ihn nie gehalten; aber was wusste er schon. Doch was mochte Mark sich davon versprechen? Einen One-Night-Stand, bevor's in die nächste Stadt ging? Sicher nicht mehr. Bestimmt wusste Mark, wie er auf Menschen wirkte. Und vielleicht war es selbst für ihn nicht so einfach, andere Männer kennenzulernen. Oder gerade für ihn. Vielleicht, nein, ganz sicher, war Paul nicht der Einzige, der an diesem Abend mit mehr als nur Marks Autogramm aus dem Theater gekommen war. In Pauls Kopf bildeten sie eine lange Schlange, die ganzen, sehr attraktiven Frauen und Männer, denen Mark seine Telefonnummer aufgeschrieben hatte. Alle standen sie da mit geröteten Gesichtern, lasen die Nummer mit einem aufgeregten Blitzen in den Augen. Wie konnte Paul schon mit ihnen allen mithalten? "Wirst du ihn anrufen?", fragte Alex. "Ich weiß..." Sie sah ihn mit gewölbten Augenbrauen an. "Ja", sagte er, "werde ich." "Nun, zuerst darfst du mich aber noch auf einen Drink einladen. Den hab ich mir verdient, finde ich." Fast drei Jahre war das alles nun her. Doch Paul hatte den ganzen Abend so deutlich vor Augen wie den, den er gerade mit seiner Cousine und ihrer Familie verbracht hatte. Jeder Blick, jede Geste hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt. Und als er so dalag in dieser Novembernacht und nicht einschlafen konnte, spielte er sie wieder und wieder durch, diese Blicke, diese Gesten, die alles verändert hatten. Hätte er damals gewusst, wie die Geschichte weitergehen, wie sie enden würde, wäre er an dem Abend trotzdem ins Theater gegangen? Oder hätte er eine Ausrede gefunden? Seit bestimmt zehn Monaten hatte er Mark nun nicht mehr gesehen, ihn nicht angerufen, nicht mal geschrieben hatten sie einander. Langsam fühlte sich der Schmerz etwas dumpfer an, aber das Loch, das Mark mitten in Pauls Herz gerissen hatte, würde wohl nie ganz heilen. Und dennoch lautete die Antwort nein, würde immer nein lauten: Auch wenn Paul damals in die Zukunft hätte blicken können, er hätte sich doch genau so verhalten, wie er es getan hatte. Wenn er jetzt, in dieser Novembernacht, so darüber nachdachte, war er wahrscheinlich doch immer ein Sensibelchen gewesen. Hinter den Zahlen hatte er sich prima verstecken können, doch wohin konnte man schon wirklich flüchten vor der Liebe? In ein anderes Sonnensystem vielleicht? Von Anfang an war da dieses Gefühl gewesen. Das Gefühl, dass das alles zu schön war, zu perfekt, um wahr zu sein. Dass er auf die eine oder andere Art würde bezahlen müssen für dieses Glück, das er gestohlen hatte. Wie in dieser uralten Fernsehwerbung, in der eine junge Frau ihren Joghurt genießt, während hinter ihr ein Mann von einem kleinen Hund angefallen wird - damit das Universum wieder ins Gleichgewicht gebracht ist sozusagen. Aber auch wenn sich sein Magen arg flau anfühlte und er sich vor Aufregung am liebsten übergeben wollte, schaffte Paul es, Siri anzuweisen, Mark anzurufen. Erst gegen Mittag des nächsten Tages und mit zugegebenermaßen etwas zittriger Stimme, aber immerhin. Wahrscheinlich würde Mark sich eh nicht an ihn erinnern. Längst war er doch im Bett eines der anderen Männer gelandet, den er gestern seine Nummer aufgeschrieben hatte. Vielleicht auch im Bett einer Frau? Und das war, wenn überhaupt, sicher das Einzige gewesen, auf das Mark spekuliert hatte, oder? Trotzdem klopfte Pauls Herz überlaut, als Siri zu Ende gewählt hatte und Paul ein Freizeichen hörte. Auch so ein Relikt aus früheren Zeiten, wurde heutzutage doch nichts mehr in dem Sinne freigeschaltet. Jeder war für jeden gleichzeitig zu erreichen. "Hallo?", hörte er eine etwas verschlafene Stimme. Paul schaute auf die Uhr: Es war fast zwölf. Muss eine lange Nacht gewesen sein... "Hi, hier ist Paul. Ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst? Du hast mir gestern dein Buch signiert und…" "Ah, hi Paul! Ja, klar." "Ähm..." In dem Moment wurde Paul schmerzlich bewusst, dass er sich lediglich den ersten Satz zurechtgelegt, nicht aber darüber nachgedacht hatte, was er dann sagen konnte oder wollte. "Schön, dass du dich tatsächlich meldest", sagte Mark. "Klar." "Nun, hast du heute oder morgen Zeit?", wollte Mark wissen. "Ich bin nur noch heute und morgen in München, dann geht meine Tour in Stuttgart weiter. Und in Krefeld spiele ich Ende des Monats, glaub ich." "Also immer ein paar Abende an einem Ort?" "Ja, genau." Paul räusperte sich: "Na ja, wenn du heute auch einen Auftritt hast, könnten wir uns danach irgendwo treffen. Auf einen Drink vielleicht? Oder zum Abendessen?" "Ja, gerne. Etwas essen gehen wäre toll." Eine kurze Pause. "Wird aber ähnlich spät werden wie gestern. Ich glaube, ich kam erst gegen zehn aus dem Theater." "Kein Problem." "Vielleicht magst du mich einfach dort treffen?" "Im Theater?" "Ja. Ich signiere nochmal ein paar Bücher. Und wenn jemand auf mich wartet, geht's vielleicht ein bisschen schneller", lachte Mark. "Klar, gerne." "Dann so zwischen halb und viertel vor zehn?", fragte Mark. "Ich will natürlich auch nicht, dass du so lange warten musst." "Ach, ich stelle mich gerne nochmal an", witzelte Paul. "Nicht nötig. Du hast ab sofort einen Backstage-Pass." "Cool." "Dann bis morgen." "Bis morgen", sagte Paul und unterbrach rasch die Verbindung, um sich nicht doch noch irgendwie zu blamieren. Er würde Mark also heute abholen und mit ihm zu Abend essen. Irgendwie war das alles weit verbindlicher, als Paul das je zu hoffen gewagt hätte. Scheiße, das Universum würde ihn so dafür bezahlen lassen...! Und wenn schon. In dem Moment war er happy. Abends stand Paul also erneut vor dem Theater, mit weichen Knien und einem flauen Gefühl in der Magengegend. Natürlich war er viel zu früh: Es war gerade mal neun. Laut und prustend atmete er ein paarmal aus, um sich zu beruhigen. Sein Herz sprang wie wild in ihm herum. Gegen zwanzig nach hielt er es nicht mehr aus, nahm die wenigen Stufen zum Eingang mit unsicheren Schritten und öffnete die große Tür des Theaters. Sein Herz pochte dabei nur noch wilder. Langsam durchschritt er den Vorraum und öffnete auch die zweite Tür. Zum Glück wollte niemand mehr seine Karte sehen. Daran hatte er vorher gar nicht gedacht. Zum Glück. Er war auch so schon nervös genug. Im Foyer standen erneut eine Menge Leute. Vor allem Frauen, wie ihm jetzt auffiel. War das am Abend vorher auch so gewesen? Noch ein paar Mal atmete er tief durch, bevor er langsam auf die Menge zuschritt, hinter der sich der Tisch mit den Büchern und mit Mark verbergen musste. Schließlich erreichte er das Ende der Schlange der Leute, die für ein Autogramm anstanden. Er ging langsam an ihnen vorbei, immer weiter auf Mark zu, den er jetzt dasitzen saß. So unsagbar schön, so perfekt, wie er ihn in Erinnerung hatte. Eine hübsche junge Frau beugte sich gerade zu ihm herunter und sprach leise mit ihm, während er ihr Buch signierte. Paul konnte nicht hören, was sie sagte oder was Mark antwortete, doch sein Lächeln versetzte ihm einen Stich: Gehörte doch ihm, Paul, diesen Lächeln, niemandem sonst. Er bemühte sich, seine Gesichtszüge neutral zu halten, und lief weiter auf Mark zu, blieb dann einige Meter seitlich neben dem Tisch und der Menge stehen. Er würde einfach warten, war sowieso viel zu früh. Doch in dem Moment sah Mark zu ihm herüber. Sein Lächeln wuchs in die Breite, und er winkte Paul heran. Der hatte Mühe, seine Beine dazu zu bringen, ihm zu gehorchen. Nur zögerlich bewegten sie sich auf Mark zu. Seinen Lippen musste er aber nicht sagen, sie sollten Marks Lächeln erwidern. Paul merkte, wie er sofort strahlte, als Mark ihn ansah. "Du bist schon da", meinte Mark, als er schließlich vor ihm stand. Paul nickte bloß. "Danke fürs Kommen", sagte Mark, an die Frau gewandt, die Paul kurz ansah, aber den Wink verstand, ihr Buch nahm, Mark noch einmal zunickte und ging. "Es wird noch eine Weile dauern, fürchte ich", entschuldigte sich Mark. "Kein Problem. Bin ja auch etwas zu früh. Ich warte einfach." "Schön, dass du gekommen bist." Marks warme Stimme jagte Paul einen wohligen Schauer über den Rücken. "Klar." Etwas verlegen tapste Paul wieder an den Rand des Geschehens. Und er versuchte zwar weiterhin, sich nichts anmerken zu lassen, beobachtete aber weiterhin jede Interaktion Marks mit seinen Fans überaus eifersüchtig. Hin und wieder trafen sich Pauls und Marks Blicke. Und nach etwa einer halben Stunde war auch diese Autogramm-Session geschafft. Langsam lief Paul wieder auf den Tisch zu. Mark stand auf und streckte sich: "Jetzt hab ich echt Hunger." Zwanzig Minuten später saßen Paul und Mark in einem italienischen Restaurant nicht weit vom Theater. Nichts Besonderes, aber für Paul der schönste Platz auf Erden. Immer wieder musste er sich selbst ermahnen, Mark nicht dauernd anzustarren. Gerade seine Hände faszinierten Paul ohne Ende. Es waren Klavierhände, Harfenhände. Wunderbare Hände. "Warum hast du mir deine Telefonnummer aufgeschrieben?", hörte Paul sich plötzlich fragen. "Nun, ich... fand dich süß." Ein leider Seufzer. "Ich mache sowas eigentlich nie, aber..." Etwas hilflos zuckte Mark mit den Schultern. Paul schaute ihn skeptisch an. "Echt nicht!", lachte Mark und hob beide Hände. "Na, dann will ich das mal glauben." Und wie gern er das glauben wollte. "Und du?", wollte Mark wissen. "Warum hast du dich gemeldet?" "Na ja", druckste Paul herum, "du hast schon Eindruck auf mich gemacht. Auf rein künstlerisch-platonischer Ebene natürlich." Mark lachte auf: "Oh je, das hoffe ich nicht." "Was?" Mit verschwörerischer Miene beute Mark sich über den Tisch, sodass es Paul ganz warm wurde. "DAS--- HOFFE---ICH---NICHT." So hatte ihre Geschichte angefangen. Es war ein guter Anfang gewesen. Es war ein Traum gewesen. "Und Sie sind sich darüber im Klaren, was diese Unterschrift bewirkt?", wollte der Mitarbeiter der Raumfahrtbehörde von Paul wissen. Paul nickte: "Ich verpflichte mich, mein Training nach bestem Wissen und Gewissen abzuschließen und, sollte meine Befähigung am Ende der Trainingszeit als gesichert gelten, die Reise nach Xestris III anzutreten und die Kolonie weiter auf- und auszubauen. Erst nach frühestens fünfzehn Jahren auf Xestris III werde ich die Möglichkeit haben, um meine Versetzung zu bitten. Zurück auf die Erde oder gegebenenfalls eine andere Erdenkolonie." "Nun gut", nickte der Beamte zufrieden. Fünfzehn Jahre plus die lange Reise. Er würde alt sein, ehe er die Möglichkeit bekam, diese Entscheidung, sollte sie sich als große Dummheit herausstellen, zu revidieren. Bei dem Gedanken richteten sich einige der feinen Härchen in seinem Nacken leise auf. Gleichzeitig schien ihm dieser Schritt nur logisch, unabdingbar. Er schüttelte dem Beamten, der den elektronischen Vertrag zu seinen Unterlagen nahm, die Hand: "Danke." Der Beamte neigte knapp den Kopf, sagte aber nichts weiter. Was hielt er wohl von Pauls Entscheidung? Fast wollte Paul ihn fragen, entschied sich dann aber doch dagegen. "Sie haben zwei Wochen, ihre Entscheidung zu überdenken und ihre Einwilligung zu widerrufen", belehrte ihn der Mann nur. Paul nahm auch das mit einem Nicken zur Kenntnis. "Werden wir zusammen in einem Zelt, ähm, Haus wohnen?", fragte Chrissi ihn drei Wochen später, als Paul an einem Samstagnachmittag erneut bei Holger, Sabine und den Kindern zu Besuch war. Der Junge und er standen im Zimmer der Zwillinge; hatten gerade Verstecken gespielt. Er hatte seine Einwilligung nicht widerrufen. "Nun, ich hoffe, dass unsere Häuser zumindest direkt nebeneinander liegen werden. Und unsere Kabinen an Bord sicher sowieso." "Cool." Und etwas nachdenklicher fügte er hinzu: "Ich bin froh, dass du mitkommst. Dann kenne ich einen Menschen mehr im großen, dunklen Weltall." Paul lachte und breitete seine Arme aus, in die der kleine Junge sich sofort hineinfallen ließ. Ja, manchmal fühlte sich diese Entscheidung echt richtig an. In den nächsten Wochen und Monaten haderte er natürlich dennoch des Öfteren damit. Wollte er einfach nur vor Mark und seinem gebrochenen Herzen davonlaufen? Und würde er nicht beides trotzdem mit ins All nehmen? Konnte man einfach so von vorne anfangen? Im Juni des Folgejahres hatte Paul sein Training endlich abgeschlossen. Auf Herz und Nieren geprüft, war er als tauglich für die lange Reise ins All und sein neues Leben auf einem fremden Planeten befunden worden. Bereits im September würde das Schiff mit gut zweihundert Kolonisten an Bord starten. Als Paul an einem Augustnachmittag seine Wohnung ausräumte, hielt er plötzlich das einzige altmodische Fotoalbum in der Hand, das er jemals hatte anfertigen und in das er niemals mehr hatte hineinsehen wollen. Jetzt setzte er sich doch aufs Bett und schlug das dünne Büchlein auf. Die kurze Zeit, die Mark und er ein Paar gewesen waren, hatte er versucht in Bildern festzuhalten; hatte, ganz nostalgisch und als hätte er gewusst, dass ihre gemeinsame Zeit bloß geborgt, dem Universum clever gestohlen war, die digitalen Fotos auf Papier drucken lassen. Etwas, das kaum mehr gemacht wurde und entsprechend teuer war. Ein Bild betrachtete er besonders lange. Es stammte aus ihrem ersten Urlaub als Paar. So hatten Pauls Augen nie mehr geleuchtet wie in diesen Tagen, es traf ihn tief, sich selbst so glücklich zu sehen. Mark hatte damals das Selfie von ihnen beiden gemacht. Während Paul direkt in die Kamera lachte, drückte Mark ihm einen fetten Kuss mitten auf die Wange. Hinter ihnen sah man Strand und Meer: Sie hatten damals einige Tage auf Fuerteventura verbracht. Paul würde nie ihre Spaziergänge über die endlos scheinenden weißen Strände der Insel vergessen. Sich immer daran erinnern, wie sich der warme Wind auf seiner Haut anfühlte oder sich das Rauschen der Wellen anhörte, wie sich der weiche Sand anfühlte unter seinen nackten Füßen. (Zum Glück waren viele Stände trotz des drastisch angestiegenen Meeresspiegels erhalten geblieben.) Vor allem würde er sich aber immer an der Geruch der Sonne auf Marks Haut erinnern, an sein Lachen und an das, was seine Hände und sein Mund taten, wenn sie alleine waren. Die knapp zwei Wochen auf Fuerteventura, der Insel des ewigen Frühlings, waren wohl die glücklichsten in seinem Leben gewesen. Er merkte, wie ihm wieder die Tränen kamen, und er klappte das Album zu. Dann konnte er sich aber nicht entscheiden, ob es auf den Stapel der Bücher und anderer Dinge gehörte, die er für alle Fälle einlagern lassen wollte, oder auf den Stapel mit dem, was er wegwerfen wollte. Einen Moment überlegte er sogar, ob das Album einer der wenigen persönlichen Gegenstände sein würde, die ihm als Kolonist erlaubt waren, in die neue Welt mitzubringen. Aber nein, wie irre, genau das mitzunehmen, von dem man eigentlich fliehen wollte. Andererseits, würde er sich nicht sowieso immer an seine Zeit mit Mark erinnern? Unschlüssig fing Paul einen neuen Stapel an. Den Stapel der Dinge, von denen er noch nicht wusste, ob es für sie einen Platz geben würde in seinem neuen Leben. Vielleicht würde er einfach ein paar der Bilder in digitaler Form mitnehmen. Das war wahrscheinlich die pragmatischste, vernünftigste Lösung. Drei Wochen später war es dann so weit. Plötzlich war der Tag tatsächlich gekommen und Paul wartete mit an die 200 anderen Kolonisten darauf, zu dem Raumschiff zu gelangen, das für die nächsten fast zehn Jahre ihre neue Heimat sein würde. In einer langen Schlange standen sie vor einem der beiden Lifte an, der sie bis in den Erdorbit bringen würde, wo die Destiny bereits auf sie wartete. Die anderen rund 1800 hatte man, ebenfalls in 200er Päckchen, an die anderen Orte auf der Welt gebracht, wo es weitere solcher Fahrstühle gab. Wunderwerke modernster Technik, die Paul immer noch zum Staunen brachten. Während andere Kolonisten bis nach Südamerika oder China hatten reisen müssen, hatte Paul das Glück gehabt, der Großgruppe zugeteilt zu werden, die nur von Deutschland nach Belgien hatten reisen müssen. Nun ja, Holger hatte dem Glück wahrscheinlich etwas nachgeholfen, wofür Paul ihm natürlich dankbar war. Ungeduldig wartete er, bis seine Gruppe von insgesamt zehn Leuten, zu denen auch Holger, Sabine und die Zwillinge gehörten, an der Reihe sein würde. Ihre Kleidung usw. hatte man bereits vorher an Bord gebracht. "Ich hoffe, ich muss nicht kotzen!", rief Chrissi plötzlich. Seine Eltern und Paul lachten, auch einige der anderen Leute aus ihrer Gruppe, nur seine Schwester verdrehte die Augen. "Ich glaube nicht, dass du dir deswegen Sorgen machen musst", versuchte Paul den kleinen Mann zu beruhigen. "Die Fahrstühle sind ja extra so gebaut, dass einem nicht schlecht wird." Der Junge seufzte kurz: "Okay." Ganz überzeugt schien er allerdings nicht. Ein paar Minuten später ging's dann los. Und obwohl Paul wusste, dass sie gerade mit einem Affenzahn ins All düsten, kam es ihm tatsächlich gar nicht so schnell vor. Zuerst waren die Wände des Lifts auch undurchsichtig; das änderte sich erst, als sie schon viele Kilometer über der Erde waren. So weit oben, dass man keine rechte Relation mehr hatte zu den Spielzeughäusern und -autos da unten und deshalb auch nicht wirklich sagen konnte, wie schnell man sich bewegte. Chrissi klammerte sich mit halbgeschlossenen Augen an Pauls Hosenbein fest, während seine Schwester, die Hände am Glas der Kabine, mit Staunen nach unten schaute. Während der Lift immer höher stieg, der Zukunft entgegenraste, taumelten, trudelten, stürzten Pauls Gedanken immer weiter zur Erde zurück. Immer noch konnte er nicht recht glauben, wollte nicht wirklich verstehen, weshalb Mark und er sich so bald wieder getrennt hatten. Er war gerade von einer Reise in die Schweiz zurückgekommen. Fast drei Monate hatte er an dem Ort verbringen dürfen, der immer noch den feuchten Traum vieler Teilchenphysiker darstellte, und sich sowohl den ursprünglichen Teilchenbeschleuniger als auch einige der modernsten, die in unmittelbarer Nachbarschaft errichtet worden waren, anschauen dürfen. Beim neusten kam man nur bis in den Kontrollraum, den allerersten konnte man der Länge nach ablaufen. All das hatte er schon immer sehen wollen und nun, da einer seiner Professoren den entsprechenden Zugang besaß und Paul zudem eine wichtige Hausarbeit als Grund für seinen Besuch vorschieben konnte, hatte er tatsächlich die Möglichkeit bekommen, das Collider-Zentrum, das größtenteils in der Schweiz, teilweise aber auch in Frankreich lag, mit eigenen Augen zu sehen. Begeistert hatte er Mark zuvor davon erzählt, in der Hoffnung, er werde ihn vielleicht sogar dort besuchen. Paris, die Stadt der Liebenden, war ja nicht weit und vielleicht... Aber Mark hatte sich zwar für ihn gefreut und ihn darin bestärkt, diese tolle Möglichkeit wahrzunehmen. Gleichzeitig hatte er ihm aber wenige Hoffnung gemacht, dass sie sich in der Zeit sehen könnten: Er würde nämlich mitten in den Proben zu einem neuen Stück stecken. Also war Pauls Herz ein wenig schwer, als er sich am Abreisetag von Mark verabschiedete. Der Freund hatte ihn zu seinem Hovercraft begleitet und war ungewöhnlich still an dem Tag. Als sie sich umarmten, konnte Paul Marks Parfum riechen und wollte ihn gar nicht loslassen. Der Geruch von Limette und einem Tag am Meer stieg ihm in die Nase, erinnerte ihn an den Urlaub auf Fuerteventura. Warum, warum nur habe ich ihn losgelassen? Warum bin ich einfach weggefahren an dem Tag?, fragte Paul sich, während der Lift weiter an Höhe gewann. Inzwischen waren sie bereits so hoch, dass man längst keine einzelnen Gebäude oder Straßen und dergleichen mehr erkennen konnte. Man sah nur noch Wasser, viel Wasser und ein paar Kontinente. Und auch die wurden immer kleiner. Immer seltener waren Marks Anrufe geworden während Pauls Aufenthalt im Ausland, bis schließlich sogar seine Textnachrichten fast ausblieben. Und wenn Paul ihn doch einmal ans Telefon bekam, fand Mark bald einen Grund, weshalb sie nur wenige Minuten miteinander sprechen konnten: Er war gerade unterwegs oder musste gleich zu einer Probe, er war todmüde und musste ins Bett, er hatte noch nichts gegessen... Zuerst hatte Paul sich nichts dabei gedacht, denn auch für ihn lief die Zeit am Cern schneller als sonst. Doch nach dem 3. Mal, das er Paul nicht erreichte... Die eisige Faust, die sich schließlich um sein Herz schloss, wann immer der AB ansprang, war kaum zu ertragen. Natürlich hatte ihn Mark auch nicht abholen können, als Paul schließlich zurückkam. Aber sie wollten sich abends bei Paul treffen. Immer noch schmeckte er die Fertigsuppe, die er sich an dem Abend warmgemacht hatte. Seitdem hatte er sie nicht mehr essen können, so widerwärtig schmeckte sie nun für ihn. Alle Trauer, alle Verzweiflung dieses Abends war für immer in ihr eingeschlossen worden. "Das funktioniert einfach nicht mit uns. " Das war der simple Satz, der Pauls ganze Welt zum Einsturz brachte. Wie betäubt stand Paul zuerst da, starrte auf das Display seines Handys, las Marks Nachricht immer und immer wieder, doch die Worte schienen keinen Sinn zu ergeben. Sie schwebten irgendwo in einer Zwischenwelt, zu der Pauls Gehirn keinen Zugang fand. "Aber warum?", sah Paul endlich seine Finger tippen. Doch es kam keine Antwort mehr. Und wenn Paul Mark zurückrufen oder ihm erneut schreiben wollte, hieß es bloß: "Der Teilnehmer ist nicht erreichbar." Unerreichbar waren mit einem Mal all die Träume einer gemeinsamen Zukunft mit dem Mann, den Paul schon ab der ersten Sekunde ihrer Trennung so schmerzlich vermisste, dass er sich einfach auf den Küchenboden sacken ließ, als er seine verzweifelte Frage "Aber warum?" getippt hatte. Dass Menschen immer noch etwas in Geräte tippten, obwohl doch alle Computer- und Kommunikationssysteme längst per Sprachsteuerung funktionierten, das kam einem Teil von Paul, ganz weit hinten in seinem Bewusstsein, plötzlich arg absurd vor. Etwa ein Jahr und acht Monate war das nun alles her. Immerhin zählte Paul nicht mehr die Tage, die seitdem vergangen waren. Doch als der Fahrstuhl weiter seinem Ziel entgegenjagte und die Erde, die einzige Heimat, die sie bisher gekannt hatten, immer kleiner und kleiner wurde, merkte Paul, dass er sich doch nie ganz würde lösen können von der Erinnerung an den schönen Mann mit den dunklen, großen Augen und seinen zarten Händen, den er mehr geliebt hatte, als Paul es je für möglich gehalten hatte. Was immer die Zukunft bringen würde, Mark würde immer ein Teil von ihm sein. "Unser Zimmer ist so cool! Du musst uns unbedingt gleich besuchen kommen!", lief Chrissi ihm aufgeregt entgegen. "Ja, Chris, gleich. Ich will aber auch ein paar Dinge auspacken, okay?" Der Junge nickte. Dann sah er sich, in der Türschwelle stehend, neugierig in Pauls Zimmer um, seinem Zuhause für die lange Reise nach Xestris III. "Dein Zimmer ist aber klein", lautete dann sein unverblümtes Urteil. Paul lachte: "Ja, ich weiß. Aber ich bin nur einer. Ihr wohnt ja all vier zusammen." Chrissi überlegte kurz. "Ja, das ist manchmal doof." Dann runzelte der Kleine die Stirn: "Aber ist das nicht auch einsam, so alleine? Warum wolltest du nicht zu uns?" "So viele große Apartments gibt's gar nicht auf dem Schiff. Außerdem sind vier Leute ja schon recht viele, oder?" Da nickte der Junge. "Trotzdem. Gab's da keinen, mit dem du gerne wohnen wollen würden tätest?" Die abstruse Grammatik des Fünfjährigen milderte den Schlag, den diese unschuldige Frage Paul versetzte, nur unwesentlich. Dennoch rang er sich ein schwaches Lächeln ab: "Nein. Im Moment nicht. Aber ist ja eine lange Reise..." Wir suchen dir jemanden, mit dem du spielen kannst. Erwachsenenspiele und so." Das hob Pauls Stimmung dann doch. Erwachsenenspiele? Er wusste jetzt nicht, ob er da nachhaken sollte, also nickte er nur. "Das ist nett. So, nun lass mich weiter auspacken. Dann komme ich nachher vorbei." "Versprochen?" "Natürlich." Die Kabinen an Bord der Destiny waren mit allem Nötigen ausgestattet für die lange Reise in die neue Heimat, aber nicht mit mehr. Großen Luxus hatte Paul auch nicht erwartet, dennoch fragte er sich, ob der kleine Raum ihn mit der Zeit nicht klaustrophobisch würde werden lassen. Und wenn einem in einem Raumschiff die Decke auf den Kopf fiel, wo wollte man da hin? Die Korridore abwandern, die aber auch nicht sehr breit waren, vielleicht, oder das Arboretum und andere Versammlungsräume aufsuchen, wo sich aber auch immer viele andere Menschen tummeln würden. Nun gut, knapp fünf Jahre würde die Reise dauern; das war auszuhalten. Und angesichts der riesigen Distanzen im All eine erstaunlich kurze Zeitspanne. Die Merbold I hatte für die Reise nach Xestris III noch deutlich länger gebraucht: beinahe zehn Jahre. Aber inzwischen hatte man die Hyperraumtechnik stetig verbessert. Noch vor wenigen Generationen, im 21. Jahrhundert etwa, wäre eine Reise zu einem Lichtjahre entfernten Planeten undenkbar gewesen. Kälteschlaf und Generationenraumschiffe schienen die einzigen Möglichkeiten, Menschen so weit ins All vorstoßen zu lassen. Gott, was war Paul froh, dass er die Reise nicht in einem dieser Metallsärge verbringen musste, in dem die ersten Menschen bewusstlos ins All geschossen worden waren. Da war diese kleine Kabine, die man, warum auch immer, im Stil der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts eingerichtet hatte (oder in dem, was man dafür hielt), schon die weit bessere Alternative. Die ersten Nächte an Bord des Raumschiffes, das sie mit Überlichtgeschwindigkeit an ihr Ziel brachte, fiel es Paul trotzdem schwer einzuschlafen. Immer wieder fragte er sich, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, die Erde zu verlassen, vielleicht für immer. Und natürlich kehrten seine Gedanken auch immer wieder zu Mark zurück, drehten und wendeten jeden gemeinsam verbrachten Moment, betrachteten ihn von allen Seiten, analysierten jedes Wort, jede Geste. Immer und immer wieder versuchte Paul zu verstehen, weshalb diese Liebe nicht von Dauer gewesen war und ob er bereits vor seiner Abreise in die Schweiz hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmte. Doch vielleicht wollte sein Kopf nicht wirklich verstehen, was da schiefgelaufen war. Denn was er Paul zeigte, waren all diese Tage, an denen er glücklich gewesen war. All die Tage, an denen er fest geglaubt hatte, diese Liebe wäre für immer. "Du hängst Mark immer noch nach, oder?", fragte ihn Sabine leise, als sie ihn an dem Abend abseits der anderen stehen und durch ein Fenster ins All starren sah. Im Gegensatz zu seiner besaß die Kabine, in der Sabine, Holger und die Kinder untergebracht waren, tatsächlich ein kleines Fenster. Doch da gab es, solange das Raumschiff durch den Hyperraum raste, nichts zu sehen außer chaotisch umherwirbelnden Farbschlieren. Nur wenn sich die Destiny im Normalraum befand, konnte man Sterne sehen, und das auch nur wirklich, wenn sie sich sehr langsam bewegte, was auf der langen Reise beides kaum der Fall sein würde. Hoffentlich, denn jede Verzögerung wegen eventueller Reparaturen konnte ihre Reise um Jahre verlängern. Paul antwortete lediglich mit einem kurzen Schulterzucken und der Andeutung eines Lächelns, woraufhin sie kurz über seinen Rücken strich. "Der kleine Tapetenwechsel wird dir guttun, du wirst sehen", sagte sie. Das entlockte Paul dann doch ein Lächeln: "Der kleine Tapetenwechsel?" Jetzt war es an ihr, mit den Schultern zu zucken. Sanft stupste er ihre Schulter mit seiner an: "Gut, euch dabei zu haben." "Dito." Die ersten paar Tage vergingen nicht nur tatsächlich sondern auch im bildlichen Sinne (wie) im Flug. So viel gab es zu verstehen und zu überblicken, so viele Termine, so viele Regeln zu beachten. Jeder hatte irgendwelche Dienste neben seiner regulären Arbeit, wie eine der Gemeinschaftsküchen aufzuräumen und die Spül- und Putzmaschinen dort in Gang zu setzen oder eine feste Zeit, zu der er seine Kleidung waschen konnte, usw. Als Physiker half Paul dabei, den Antrieb zu überwachen und mögliche Bedrohungen wie Asteroiden auf dem Weg der Destiny zu ihrem Ziel auszumachen. Auch hier musste er sich erst einfinden, eingewiesen werden. So verging fast eine Woche, ehe Paul daran dachte, dass er noch seine persönlichen Gegenstände abholen musste. Die hatte er schon Wochen, bevor das Schiff startete, abgeben müssen. Nun wollte er sie doch abholen, obwohl er nicht mehr so sicher war, ob er nicht den einen oder anderen hätte tauschen sollen. Müde schlurfte er deshalb eines Morgens, kurz vor Beginn seiner Schicht im Maschinenraum, zu dem Lift, der ihn zu der Ausgabestelle, tief unten im Rumpf der Destiny. bringen würde. (Man hatte den Wechsel von Tag und Nacht, wie er auf der Erde stattfand, zunächst beibehalten; erst langsam wollte man diesen Rhythmus dem auf der neuen Heimat anpassen, wo die Tage etwas länger waren.) Als die Kabinentür mit einem Zischen den Blick auf den Korridor davor freigab, blinzelte Paul kurz: Seine Augen mussten sich erst an die Lichtverhältnisse anpassen. Anders als in den Gemeinschaftsräumen, auf der Brücke oder im Maschinenraum sowie entlang der Flure auf den oberen Decks, sparte man hier Energie, indem man die Korridore nur schwach beleuchtete. Zum Glück zeigten weiße Pfeile Paul den Weg zum entsprechenden Lager. Er hatte nicht gut geschlafen und schon eine Weile gebraucht, sich auf den oberen Decks einigermaßen zurechtzufinden. Hier unten war er noch kaum gewesen. So tapperte er zufrieden den Pfeilen hinterher, und nach knapp zwei, drei Minuten, hatte er tatsächlich den Ausgabeschalter für die persönlichen Gegenstände gefunden. So früh hatten sich auch nur wenige andere Leute hierher verirrt, sodass er bald an der Reihe war. "Name und ID", verlangte der Schalterbedienstete zu wissen, wobei er zwar nicht unfreundlich, doch recht gleichgültig und gelangweilt klang. Bestimmt war Paul der 923., der seine Sachen abholen wollte. "Paul Willemsen, 5436978." "Okay." Keine Minute später war der Bedienstete mit einem versiegelten Umschlag zurück: "Bitte öffnen Sie das Paket und bestätigen Sie die Richtigkeit und Unversehrtheit der Gegenstände." Auch diese Aufforderung klang wie auswendig gelernt und bereits hunderte Mal aufgesagt. Paul kam ihr dennoch nach. "Ja, das ist..." "Bitte hier auf dem Bildschirm bestätigen", unterbrach ihn der Mann. "Ah, okay." Und mit einem Klick hatte Paul auch das erledigt. Er dankte dem Mann am Schalter kurz, der ihm flüchtig zunickte und "einen guten Tag" wünschte. Ganz automatisch erwiderte Paul den Gruß. Im Umdrehen warf er einen Blick auf das einzige Buch, das mitgenommen hatte, ehe er es, zusammen mit den anderen Gegenständen, wieder in den Umschlag steckte: "Mark Süther: 'Der letzte Mensch. Ein Drama in fünf Akten.'" Und dann hatte er sich ganz herumgedreht. Und plötzlich hörte er das leise Summen nicht mehr, an das er sich schon gewöhnt hatte und das ihm anzeigte, dass sie durch den Hyperraum flogen. Ganz plötzlich war es still geworden. Die Destiny stand mit einem Mal still. Alles stand still. Wie konnte das sein? "Hallo Paul." Diese Stimme. Diese Augen. Dieses Gesicht. Wunderschön und genau wie in seinen Träumen. Unmöglich, dass dieser zierliche Mann, kaum so groß wie Paul selber, hier vor ihm stand. Bevor sein Gehirn die Situation erfasst hatte, hatte Pauls Körper längst verstanden: Das Bild vor seinen Augen verschwamm, und seine Hände, die den Umschlag immer noch umklammert hielten, begannen leise zu zittern. "Wie...? Ich dachte...?", war alles, was Paul herausbekam. Er holte tief Luft und wischte sich über die Augen. Nun konnte er wieder besser sehen; nur glauben konnte er nicht, was er sah. "Ich weiß, mein Verhalten ist mit nichts zu entschuldigen", begann Mark. "Aber vielleicht können wir reden?" Paul nickte nur. "Ich hole nur kurz meine Sachen ab, okay?" Wieder ein Nicken. Zu mehr war Paul nicht in der Lange. Stumm sah er zu, wie Mark seine persönlichen Gegenstände verlangte. Auch er wurde aufgefordert, die Sachen zu begutachten und nahm sie dazu aus dem Umschlag. Da trat Paul näher heran: Was war das für ein kleines Heft, das Mark da aus dem Umschlag gezogen hatte? Ein ganz altmodisches Album war es, mit auf Papier gedruckten Fotos. Auf dem Cover waren zwei Männer zu sehen, die an einem Stand in der Sonne saßen. Einer gab dem anderen, der gerade das Foto machte, einen Kuss auf die Wange. Sie sahen sehr glücklich aus.

Die andere Seite (Teil 1 & 2)
Heiß und unbarmherzig brannte die Sonne jenes Spätsommertages auf Catjana herunter. Die Hitze ließ den Teer auf den Straßen flimmern und lag wie ein bleiernes Gewicht auf allen, die es gewagt hatten, an jenem Nachmittag Kühle und Schutz ihrer Häuser zu verlassen. Die Siebzehnjährige seufzte leise und trat langsamer in die Pedale, als sie sah, dass sie gleich würde anhalten müssen: Die nächste Ampel zeigte Rot. In der Nähe der Kreuzung gab es keinen einzigen Baum, und sie hatte die direkte Sonne noch nie gut vertragen. Sie schnaubte, hielt an, wartete, schwitzte. Was für eine elende Hitze!
Endlich sprang die Ampel auf Grün und sie konnte weiterfahren.
Doch je näher sie ihrem Ziel kam, desto stärker wurde das flaue Gefühl in ihrer Magengegend. Sie versuchte, die unangenehmen Vorahnungen, die sie schon seit dem Aufwachen quälten, abzuschütteln. Es würde eine Fahrstunde wie jede andere werden. Einiges würde sie besser machen als in den Stunden vorher, aber sie würde dennoch so viele Fehler machen, dass der Führerschein weiterhin leise lächelnd in unerreichbarer Ferne schweben würde. Ihr Fahrlehrer würde sie wie immer größtenteils geduldig manchmal auch schlicht verzweifelt auf ihre Fehler aufmerksam machen, sie das eine oder andere vielleicht ein zweites oder drittes Mal versuchen lassen, ehe er aufgab; und sie würde sich damit trösten, dass ihre Fahrkünste trotz allem ein kleines Stückchen besser geworden waren. Aber eben nur ein kleines, sehr kleines. Und ihre offensichtlichen Unzulänglichkeiten würden ihr am Morgen vor der nächsten Stunde ein ebenso flaues Gefühl bescheren.
Wieder seufzte Catjana leise, diesmal vor allem aus Frustration über die eigene Unfähigkeit und auch ein bisschen über die Grausamkeit des Universums an sich. Inzwischen hatte ihr Weg sie nahe an ein Waldstück geführt, an den dem der Radweg, der sie schon bald zur Straße der Fahrschule bringen würde, eine Zeitlang dicht vorbeiführte. Durch die Bäume ließ sich immer wieder ein Pfad erahnen, der also zumindest teilweise parallel zur Straße und ihrem Radweg führen musste. Ob es einen großen Umweg bedeuten würde, dieses Mal durch den Wald zu fahren, anstatt wie sonst die Straße entlang? Dort war es bestimmt so viel kühler.
Rasch schaute die junge Frau auf ihre Armbanduhr, die sie auch deshalb immer trug, weil sie ein Geschenk ihres noch nicht lange verstorbenen Großvaters war: Sie hatte noch mehr als genug Zeit bis zum Unterricht. Und so bog sie bei nächster Gelegenheit nach rechts in den Wald ab. Sofort umfing sie die wunderbare Kühle und Ruhe der Bäume wie eine Umarmung.
Aber der Weg, der in den Wald hineinführte, gabelte sich bald in zwei Pfade auf: Einer bog nach rechts ab und führte tiefer in den Wald hinein, während der linke weiter dicht an der Straße entlang führte, gerade genug waldeinwärts, dass man die Straße nicht sehen und auch nur wenig vom allgemeinen Verkehrslärm mitbekam.
Catjana wählte diesen Weg, und zunächst schien das auch eine prima Idee. Nach und nach wurde der Verkehrslärm aber immer leiser. Umso deutlicher nahm die junge Frau nun die Geräusche und Gerüche des Waldes wahr. Hier und da knackte es leise im Unterholz, Vögel zwitscherten fröhlich vor sich hin, und vom Waldboden stieg der Geruch feuchter Erde und Blätter auf. Die Sonne fiel nur in feinen Strahlen durch das dichte Blattwerk, doch Catjana empfand das Zwielicht nach der gleißenden Helligkeit draußen als ungemein angenehm. Die junge Frau genoss die Kühle und atmete tief durch.
Wenn der Fahrlehrer nur den Termin heute vergessen hätte! Wie froh wäre sie, wenn sie gleich direkt wieder heimfahren könnte, ohne sich über unübersichtliche Kreuzungen zu quälen und mit klopfendem Herzen auf die Autobahn aufzufahren. Bei dem Gedanken presste sie unwillig die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Bestimmt hatte er sie nicht vergessen, so viel Glück würde sie sicher nicht haben! Mittlerweile musste sie schon ganz in die Nähe der letzten Kreuzung vor der Fahrschule sein. Jetzt sollte der Weg gleich aus dem Wald herausführen. Der Wald erstreckte sich in der Richtung, in die sie fuhr, nicht sehr weit, dessen war sie sich sicher. Catjana musste also direkt auf den "Ausgang" zufahren. Doch zwei Minuten später war die Straße immer noch nicht zu sehen. Sie stutzte einen Moment und hielt an.
Sollte sie lieber umkehren? Nachdenklich schürzte sie die Lippen, schüttelte dann aber den Kopf. Bestimmt würde sie die Straße gleich sehen können. Catjana fuhr weiter. Da hörte sie plötzlich eine leise Melodie. Wieder hielt sie an und drehte den Kopf leicht nach rechts - in die Richtung, aus der die merkwürdigen Töne zu kommen schienen, tief aus dem Wald. Zuerst ganz leise, dann etwas lauter. Die Melodie schien simpel, teilweise beschwingt, teilweise von einer herzzerreißenden Sehnsucht erfüllt. Sie klang wunderbar. Catjana stieg ab, schloss die Augen und verlor sich in den sanften Tönen. Dabei versuchte sie auszumachen, welches Instrument jene Töne hervorbrachte. Eine Gitarre? Nein, nicht ganz... Doch was war es dann?
Sie merkte gar nicht, wie die Minuten verstrichen, als sie weiterhin lauschte, wie festgewachsen auf dem Waldboden. Woher mochte die Musik nur kommen? Wer spielte sie? Ein tiefes Sehnen erfasste die junge Frau. Sie musste unbedingt wissen, wer dieses seltsame Lied spielte. Ein paar Meter vor ihr sah sie einen Pfad, der sich zu ihrer Rechten weiter in den Wald hineinwand. Ohne weiter zu überlegen, stieg sie wieder auf ihr Fahrrad und bog dorthin ab. Die Melodie war nun deutlich zu hören, und sie wurde lauter und lauter, je weiter sie den Pfad entlangfuhr.
Endlich konnte sie in der Ferne, ein paar Meter abseits des Weges, etwas Graues, Rundes ausmachen. Neugierig fuhr sie weiter darauf zu. Das runde Etwas nahm dabei immer deutlichere Konturen an. Es sah aus wie eine Art Steintor. Überrascht runzelte Catjana die Stirn. Die seltsame Musik schien unmittelbar aus ihm herauszufließen, als sei es eine Art übergroßes Radio. Catjana hielt an, schob ihr Rad vom Waldweg hinunter und auf das Tor zu. Endlich blieb sie unmittelbar davor stehen, bog den Kopf etwas zur Seite und schloss unwillkürlich die Augen, lauschte der fremdartigen Musik ganz und gar. Irgendwo in einer Ecke ihres Bewusstseins ging ihr auf, dass sie nie etwas Ähnliches vernommen hatte. Die Musik hielt sie in ihrem Bann. Und die junge Frau merkte gar nicht, wie sie den Lenker ihres Fahrrades losließ und das Rad mit einem leisen, dumpfen Geräusch ins Gras fiel. Wie in Trance machte sie einen weiteren Schritt auf das Tor zu, dann noch einen...
Plötzlich war es völlig still. Die Musik war mit einem Mal verstummt. Auch die üblichen Geräusche des Waldes waren erloschen. Kein Vogelgezwitscher, kein Rascheln von Eichhörnchen im Unterholz. Stattdessen strich ihr ein kalter Windhauch übers Gesicht. Und es roch ganz anders. Überrascht schlug Catjana die Augen auf - und schnappte nach Luft. Wo waren die Bäume? Auf einmal stand sie auf einer kleinen Anhöhe, die ein einsames, tiefgrünes Tal, durch das sich ein türkisfarbener Bach wand, überblickte. Der Himmel hatte eine seltsame, ins Gelbliche gehende Farbe, und Catjana konnte westlich von ihr den Mond aufgehen sehen. Doch sah der Mond heute irgendwie anders aus... Ungläubig schüttelte Catjana den Kopf. Das Tor! Sie dreht sich um - und tatsächlich, da stand es. Direkt hinter hier. Dasselbe Steintor, durch das sie eben hindurchgegangen war. Vorsichtig machte Catjana einen Schritt darauf zu, ging hindurch und - nichts! Auch auf der anderen Seite war nichts von jenem Wäldchen zu sehen, durch das sie eben noch gefahren war. Ihr Fahrrad! Sie hatte es auf der anderen Seite liegen gelassen.
Auf der anderen Seite? Das klang, als sei sie gerade, wie Alice im Wunderland, durch den Spiegel getreten. Catjana musste kurz lächeln und runzelte die Stirn. Was war nur geschehen?
Bestimmt eine Stunde ging Catjana vor dem seltsamen Tor, das sie in diese fremde Welt gebracht hatte, hin und her und um es herum und grübelte, was sie nun tun sollte. Immer wieder glitt ihr Blick dabei über die merkwürdige Landschaft ringsum. Inzwischen war auch der Mond ganz aufgegangen - und ihr war mit Schrecken klar geworden, dass dies nicht der Mond war, den sie kannte. Das war nicht das vertraute Kindergesicht mit dem großen Mund und den traurigen, schräg stehenden Augen, das sie so oft betrachtet hatte: Dieser Mond wies völlig andere Krater auf.
Lange betrachtete sie ihn, wie er da blasslila am blauen Himmel hing, ohne wirklich zu verstehen, was das, was sie sah, bedeutete. Auch die Sonne sah irgendwie... komisch aus. Erst als östlich ein weiterer Mond aufging, machte es irgendwo in ihrem Gehirn vernehmlich "klick". Das war nicht die Erde, wie sie sie kannte! War das überhaupt die Erde? Vielleicht war sie ja auch gestürzt und lag in einem tiefen Schlaf, träumte das alles ... Andererseits fühlte sich hier nichts wie ein Traum an, so seltsam und verwunschen die ganze Szenerie auch wirkte. Schön sah sie aus, die weite, steppenartige Landschaft, deren halbhohe Gräser sich leicht im Wind bewegten. Dennoch wäre Catjana lieber wieder durch das Tor zurückgegangen, nach Hause.
Doch sie hatte nicht die leiseste Vorstellung, was das Tor beim ersten Mal aktiviert hatte und wie man es dazu bringen konnte, wieder ein Tor nach Hause zu sein. Selbst wenn es wieder "ansprang": Wer konnte sagen, wo sie landete, wenn sie erneut hindurchging? Catjana seufzte resigniert. Hier gab es anscheinend auch keine Menschenseele, niemanden, der ihr aus diesem Schlamassel hätte helfen können.
Was sollte bloß nur tun? Was? Loslaufen und sich in diesem Tal dort unten verirren? In einer fremden Welt, von der sie nichts wusste? Nicht, ob es hier Menschen gab oder wilde Tiere, die sie zerreißen würden. Nicht, ob sie etwas Genießbares zu essen finden oder sich mit irgendeiner Frucht, die sie probierte, vergiften würde. Was sollte sie bloß tun? Hier warten und darauf hoffen, dass noch jemand den Weg durch das Tor hierher fand? Aber würde derjenige ihr helfen können? Verzweifelt ging sie in die Hocke, umschlang mit beiden Armen ihre Knie, wippte langsam vor und zurück. Was sollte sie nur tun...
"Bei Merlins Bart! So ein Mist! Was ist das denn?", hörte Catjana plötzlich eine Stimme hinter sich. Erschrocken fuhr sie zusammen, ...
Fortsetzung folgt… 🙂

Drei sind zu wenige
Zwar war es erst Ende November, und doch glitzerte es bereits überall, als Martin an diesem Abend durch sein Viertel lief: ein kleiner beleuchteter Weihnachtsbaum hier, eine bunt blinkende Lichterkette dort. Überall kämpfen Fenster, Balkone und Vorgärten tapfer an gegen die Dunkelheit, als ein weiteres Jahr sich dem Ende zuneigte. Martin versuchte, sich daran zu erinnern, wie lange er eigentlich schon hier wohnte, mitten unter diesen Menschen mit ihren Lichterketten. Vergeblich. Fünf Jahre? Acht? Er fröstelte.
Wie es diesen Menschen wohl ging in ihren Wohnungen? Die meisten hatten längst ihre Rollläden und Jalousien heruntergelassen, nur hier und da erspähte er eine einsame Figur vor Computer oder Fernseher. Nie Familien oder Paare. Seltsam. Ob sie glücklich waren, diese Menschen mit ihren Lichtern?
Eine Frau, vielleicht in ihren Vierzigern, saß in ihrer Küche und las in einem Buch. Martin ging direkt an ihrem Fenster vorbei, denn es war eines jener kurz nach dem Krieg gebauten Häuser, die bis direkt an den Bürgersteig reichten. Eine Lampe über der Frau tauchte den Raum in warmes, freundliches Licht. Martin wich im Vorübergehen ein Stückchen Richtung Straße aus, zuckte zusammen, als sie plötzlich von ihrem Buch auf- und ihn direkt ansah. Sofort zog er seine Kapuze tiefer ins Gesicht, senkte seinen Blick.
Gewiss hatte sie sein Gesicht in der Dunkelheit kaum ausmachen können. Sonst hätte sie sicher anders reagiert. Denn an diesem Abend hatte er fast völlig auf Make-up verzichtet; gehofft, dass die Nacht genügend Schutz bot. Schutz vor Blicken, die verletzten.
Als er weiterging, schluckte die Dunkelheit die meisten Geräusche, nur das feine Tipp-Tipp des Nieselregens begleitete seine Gedanken. So lange war es nun schon her, dass er aus seinem alten Leben gerissen worden war; dazu verdammt, für immer ein Fremder zu bleiben. Ein Fremder, der im Schutz der Nacht durch die Straßen lief, in all diese beleuchteten Vorgärten und Fenster sah, während es in seinem Herzen mit jedem vergehenden Jahr etwas dunkler wurde.
Drei enge Freunde sollte man laut ChatGPT mindestens haben, hatte er vor kurzem herausgefunden: einen, dem man jedes Geheimnis anvertrauen konnte, einen, mit dem man alle möglichen Hobbys teilte, und einen... Ja, wofür der dritte gut war, das wusste Martin nicht mehr. War auch egal. Er hatte überhaupt keine Freunde. Über zehn Jahre schon schottete er sich fast völlig ab.
Wie winzige Sterne glitzerten die Wassertropfen auf den Straßen und fast eine Stunde war er inzwischen unterwegs. Langsam durchdrang der Regen seine Jacke und er überlegte, zurückzugehen. Schließlich hatte er nur kurz etwas Luft schnappen wollen, weil ihm in seiner winzigen Wohnung einmal mehr die Decke auf den Kopf gefallen war. Der einzigen in dem Komplex von Sozialwohnungen am anderen Ende der Stadt, in deren Fenstern und an deren Tür kein Licht, kein Weihnachtsstern und keine Tannenzweige zu sehen waren.
Fast wollte er umkehren, da sah er es: das filigrane Geländer, das die Treppe hinaufführte. Ihre Treppe. Ohne dass er sich dessen bewusst gewesen wäre, hatten ihn seine Füße fast bis zu ihrer Tür getragen, welche ihm nun weiß und unschuldig entgegenblickte. Fast leuchtete sie in der Dunkelheit. Er zögerte, gab sich dann aber einen Ruck und ging auf das kleine Haus mit dem Gärtchen davor zu, in dem im Sommer Lavendel blühte und im Herbst Heidekraut, das jetzt jedoch ziemlich traurig aussah mit seinen braunblättrigen Büschen und den leeren Blumenbeeten.
Schon stand er vor dem kleinen Gartentor. Sollte er es riskieren und einfach bei ihr klingeln? Würde sie ihm überhaupt öffnen? Langsam öffnete er das Tor, ging hindurch, an den Beeten vorbei, die Treppe hinauf. Streckte schließlich seine Hand nach der Türklingel aus... Zögerte...
Dann ein Kopfschütteln, Schultern, aus denen alle Hoffnung wich. Mit einem Mal war er schrecklich müde; wendete sich ab, kehrte um. In dieser Welt, diesem Haus gab es schlicht keinen Platz für ihn. Wie konnte er sich etwas anderes vormachen?
Im Weitergehen schaute er auf seine Hände: Wie sollte man die Liebe auch festhalten? Wie? Wie sie überhaupt greifen mit nur drei Fingern an jeder Hand?
